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Montag, 26. August 2019

66 Stunden Glückseligkeit, Emotionen und Leiden

Jetzt bin ich also auch ein Ancien. So werden die Finisher von Paris-Brest-Paris genannt. Paris-Brest-Paris war für mich eine Aneinanderreihung von Gefühlen, Gedanken, Eindrücken und Emotionen - in meinem Fall 66 Stunden lang.

Paris-Brest-Paris ist, wenn ...

  • ... dich wildfremde Leute anfeuern und „Bonne Route“ und vor allem „Bonne Courage“ wünschen, dich Kinder abklatschen, dessen Grosseltern vermutlich schon am Strassenrand standen. 
  • ... irgendwo im Nirgendwo einer mitten in der Nacht an einer Kreuzung steht und dir den Weg weist. An der Kreuzung wärst du sonst voll vorbei gedonnert. 
  • ... durch schön geschmückte Dörfer fährst:
  • ... der erste schon nach 2km mit plattem Reifen am Strassenrand steht, andere keinen ihrer 4 (!) Ersatzschläuche hervorkramen müssen. Am Schluss sah ich rund zwei Duzend Fahrräder mit ausgebautem Laufrad am Strassenrand.

  • ... du die erste Nacht durchfährst als wäre es nichts besonderes und am Morgen kein bisschen müde bist. Ich sage nur: Adrenalin!
  • ... die ersten 100 Kilometer ohne Pause am Anschlag und ohne Pause fährst im Wissen, dass du diese Pace nicht halten kannst und hoffst, nicht dafür büssen zu müssen. Dir dabei erst nach 3h die erste kleine Bio-Pause gönnst, obwohl die Blase schon drückt seit du dich in den Startblock gestellt hattest. 
  • ... du für deinen initialen Effort büssen musst, indem es dir nach dem ersten Bissen "Tutti-Frutti" den Magen durcheinander bringt und du bis zum dritten Checkpoint dafür vier mal aufs "Klo" musst. (Wer rechnen kann, weiss wofür die Anführungszeichen stehen ;-)
  • ... du eine halbe Nacht lang beleuchtete Waden und Hinterteile anschauen musst, und dich fragst, wie viele verschiedene Rücklichter es gibt: solche von denen du halb blind wirst, andere wiederum sind kaum sichtbar, nur minim besser sind die "Disco-Lichter". Aber alle tragen ein Gillet Jaune, wie sich das in Frankreich gehört.
  • ... dich das ewige auf und ab besonders nachts zermürbt, weil du keine Ahnung hast, wann der aktuelle Anstieg aufhört und wie es danach weiter geht. Ausser du siehst weiter vorne einen Tatzelwurm aus roten Lichtern. 
  • ... deine Sinne an einem Checkpoint langsam schaler und schwächer werden, alles nur noch verschwommen und getrübt wahrnimmst. Du merkst, dass du jetzt aufhören solltest zu essen, da du es sonst wieder essen musst. Dich das Fanta wieder aufpäppelt, damit du wieder gestärkt bei vollen Sinnen in die kühle Nacht hinausfahren kannst. 
  • ... eine der Standard-Frage ist "Wo und wieviel hast du geschlafen?" und du Antworten erhältst wie "1.5 Stunden", "bin durchgefahren", "am Strassenrand", "in Bankomat-Schalterhalle", "an einem Kreisel", "unter dem Lavabo", "auf dem Velo", "habe ich überhaupt geschlafen" ... ?
  • ... die ganze Familie am Strassenrand einen Stand betreibt mit frischen Crêpes, Guetsli, Kaffee und Kuchen, z.T. nichts dafür will ausser einen Pin zu setzen auf einer Weltkarte. Andere am Strasssenrand campieren, dich anfeuern und dann auf der Rückfahrt 40 Stunden später immer noch mit dem gleichen Enthusiasmus dir Bonne Courage wünschen. Wiederum andere stellen einfach einen Tisch hin mit Leckereien wie selbst gemachten Kuchen, Iso-Getränk und Kaffee. Ja sogar eine Weinflasche meinte ich erblickt zu haben.





  • ... wenn dir egal ist, woran du dein Velo lehnst.
  • ... einige Teilnehmer ihren Anstand und Würde verlieren und am Checkpoint dem „Druck“ nicht mehr Stand halten und in die Büsche urinieren. 

  • ... einige Teilnehmer ernsthaft meinen, 1200 km auf einem Fully, Falt-Velo oder einem Fat-Bike absolvieren zu können. 

  • ... man mitten in der Nacht durch dichte Wälder und offene Felder fährt und man dabei coole Musik aus deinem Hosentelefon lauschen kann. 
  • ... dein Magen sich wieder beruhigt nach einem Viertel der Strecke, stattdessen aber Kniebeschwerden dich am effizienten vorwärts kommen hindern auf dem nächsten Viertel.
  • ... du in weiser Voraussicht Voltaren-Tabletten eingepackt hast, und heilfroh bist, dass sie wirken - mal weniger, mal mehr.
  • ... du dich nach 3 Stunden Schlaf und 600 km in den Beinen wieder auf den Rückweg machst. 
Ankunft in Brest: vor mir liegen 3h Schlaf und nochmals 600 Kilometer
  • ... man auch bei Einbruch der dritten Nacht nicht müde ist, obwohl du in den letzten 52 nur 3 Stunden liegend mit geschlossenen Augen verbracht hast. 
  • ... du die letzte Etappe in vollen Zügen geniesst, weil du nicht willst, dass es schon vorbei ist und darum „extra“ langsam fährst - oder extra nicht schnell, wäre passender formuliert.
  • ... der Wetterbericht 10 Grad Nacht-Temperatur vorhersagt, du aber nicht wirklich dafür eingerichtet bist, dass dies auch 5 Grad und Gegenwind bedeuten kann und du deshalb extra die Bremse schleifen lässt und dir davon etwas mehr Widerstand sprich Körperwärme erhoffst. 
  • ... andere Teilnehmer allerlei nützliches, unpraktisches und unsinniges dabei haben: Leselampe, Müsliriegel an Rahmen geklebt (das müssen viele sein um 20'000 kcal zu decken), Speichenreflektoren, "Kassettenschutzplastik", CO2-Patronen am Unterlenker befestigt, Teddybären als Glücksbringer, etc...  Mein persönlicher Favori ist Oleg (C031) aus Sibirien: er packt sich die Regenjacke mit einem wiederverschliessbaren Kabelbinder an den Sattel. 
  • ... eine dreiste Wirtin einem mehrfach übernächtigen Velofahrer 5€ für einen halben Liter Cola abzockt, dies dir in dem Moment aber egal ist, weil du nicht schnell und klar genug denken kannst, dass die nächste "Gratis-Tankstelle" ja nicht weit sein kann.
  • ... du mit einem Lächeln im Gesicht nach 900 Kilometern an der Kontrollstelle erscheinst und der Kontrolleur dies freudig bemerkt. Das Lächeln verschwand auf den nächsten 300 Kilometern zwischendurch öfters, hält dafür nun schon 5 Tage lang nach der euphorischen Zieleinfahrt an !!! 
Selfie an jedem Checkpoint (ausser Etappe 2) inkl. Start, Ziel und beim Znacht

So viele Kilometer hat man hier bereits in den Beinen.

Kurz nach dem Start in Rambouillet
Kleiderwechsel am Checkpoint in Loudéac auf dem Rückweg - endlich scheint die Sonne und warmen Kleider können ausgezogen werden. 


Kirche in Le Quillio



Samstag, 9. Juni 2018

GoneWest - Rückkehr

Seit zwei Tagen bin ich also wieder im Lande... für die verbleibenden drei Velotage durch die Ardéche, das Rhône-Tal und den Jura hat es blog-technisch noch nicht gerreicht.



Hier die Kurzzusammenfassung - ein ausführlicheres Fazit und die Blog-Beiträge der fehlenden Velo-Tage folgen später:


  • Distanz: 2900 km, pro Tag 170 km 
  • Zeit: 9h unterwegs an 17 Velotagen, davon im Schnitt 6h30 im Sattel, davon wiederum rund 82% pedalierend, Total 4.6 Tage oder rund 110 Stunden
  • Schnitt: 26.4 km/h
  • Höhenmeter: 35'000m oder 1.2% Steigung im Schnitt - mehr als gedacht


Montag, 5. Juni 2017

Es kam gut ...

... und wie: sämtliche Entscheide, die ich im Vorfeld fällen musste, waren richtig oder zumindest nicht ganz falsch. Es war eine fantastische, unglaublich abwechslungsreiche und bei weitem keine Fahrt ins Ungewisse!

Richtige Wahl: Mavic Schuhe mit SPD-SL-System -
hier etwas dreckig nach Regenfahrt in Montenegro

Fahrrad, Schuhe und Sattel

Mit dem Trek Domane wählte ich das Velo mit der mechanischen Schaltung. Entgegen meiner Befürchtung war es bequem und hatte keine direkten Beschwerden, welche mit dem Fahrrad selbst zu tun haben. Nur an den Füssen hatte ich zuweilen etwas Druckstellen, die kamen und wieder gingen - je nachdem wie fest ich in die Pedalen drückte. Auch der Verschleiss der SPD-SL-Adapter-Platten hielt sich in Grenzen.

Auch mit dem täglichen Sitzen - bis zu 7h23 - hatte ich keine Probleme: die PCA-Hose harmonierte perfekt mit dem Sattel Bontrager Afinity RL. Sie ist nun halt noch ein wenig lädierter und das "Sturz-Loch" am Oberschenkel noch etwas grösser ...

Schaltung

Bisher hatte ich auf jeder zweiten Velotour Probleme mit der mechanischen Schaltung. Dies sollte auch heuer so sein: ab der letzten Woche konnte ich nicht mehr problemlos auf die kleinsten zwei, drei Ritzel schalten. Der freundliche Velomech im Zillertal (Österreich) meinte, das sei wegen dem Druck der Lenkerrolle auf die Schaltkabel. Nun, ich denke er hatte dabei nicht ganz unrecht und ich geh noch einen Schritt weiter: durch den erhöhten Druck gab es mehr Reibung, was dazu führte, dass das Schaltkabel mit jedem Schaltvorgang etwas stärker beansprucht wurde, so dass mein lokaler Velomech von Tempo-Sport meinte "Schwein gehabt": das Kabel war zur Hälfte angerissen. Es wäre also nur eine Frage der Zeit gewesen, bis ich "Singlespeed" unterwegs gewesen wäre. Auf der nächsten mehrtägigen Tour werde ich also der elektronischen Schaltung eine Chance geben.

Teil des Morgenrituals: Necessaire in Kleider einrollen und am Lenker festzurren

Gepäck


Gepäcklösung mit Lenkertasche, Rahmentasche, Satteltasche und Flaschenhalter hinten
Jeden Tag musste ich quasi meine Siebensachen neu packen. Jedes Ding, das in der Lenkerrolle verstaut war, wurde praktisch täglich verwendet. So war es denn mein Morgenritual eine möglichst schöne, kompakte Lenkerrolle zu packen. Das gelang manchmal besser, manchmal weniger, ... auf jeden Fall war ich jeweils froh, als die Rolle gepackt war und möglichst fest am Lenker befestigt war. Auf meiner nächsten Tour werde ich wohl eine andere Gepäcklösung wählen. Auch wegen dem Lenkverhalten, welches sehr träge wird, wenn man 2.5 kg am Lenker hängen hat, und wegen der Überempfindlichkeit gegenüber holpriger und löchriger Strassen - einer suboptimalen Kombination.


Reifen

Irgendwo vor der mazedonisch-
kosovarischen Grenze eingefangen
Der Wechsel im letzten Moment auf den Michelin-Reifen Pro 4 Enduranace V2 war ok: für die eingefangene Heftklammer an der mazedonisch-kosovarischen Grenze kann er nix dafür. Der Rollwiderstand war subjektiv gering genug. In den Kurven wünschte ich mir manchmal ein wenig mehr Stabilität. Ein gutes Dutzend Furchen und Risschen von eingefangen (und wieder entfernten) Steinchen zeugen von den rund 3000 Kilometern unterschiedlichster Strassenbeschaffenheit, welche insgesamt als gut bezeichnet werden darf und als tauglich für 25mm breite Rennrad-Reifen.


Auf ca. 1 Kilometer: Strasse zwischen Fushë-Arrëz und Puka (Albanien) auf der SH5 -
schlechter war die Strasse nirgends (auch in Albanien nicht)


Zusammenfassung
 

Schaltung: +
Velo: ++
Sattel: ++
Reifen: +
Athen: + (Start am verkehrsruhigen Sonntag war ok)
iPad: + (nur beim Eishockey-WM-schauen vermisst)
Gepäcklösung: -
Sattel/Hose: ++
Schuhsystem: ++
Aero-Aufsatz: ++


Packliste

 410 Oberrohrtasche mit Elektronik
1350 Rahmentasche mit Werkzeug, Pumpe und diversem Kleinkram
 820 Satteltasche mit Regenschutz, 2 Schläuche und Knielinge
1530 Kleidergarnitur 1: Hose, T-Shirt, Socke, Unterhose, Pullover, Necessaire
 780 Kleidergarnitur 2: Jacke, Unterhose, Kurze Hose
 280 Apidura Fronttasche

 200 Schloss

Total ca. 5.5 kg, plus iPhone, Portemonnaie, Essen und Trinken


Gewichte von Einzelstücken


365 Schuhe
400 Necessaire
150 Pullover
110 2 Unterhosen
310 Lange Hose
280 2 T-Shirts
110 Portemonnaie
250 Jacke
110 Schuhtasche
150 Kurze Hose
 80 Flasche
110 Sattelflaschenhaltervorrichtung
370 Syntace C3 Lenkeraufsatz 
Handgepäck und Packliste

Packliste




Sonntag, 30. August 2015

Bericht eines langen, anstrengenden und schönen Tages

Grimselpass, 2164m

Der Aufstieg zur Grimselpasshöhe zieht sich in die Länge, ist aber dank der abwechslungsreichen Streckenführung und der Morgenfrische gut zu meistern. Es gibt einige steilere Abschnitte (10%), aber auch flache Passagen in Guttannen und entlang den Stauseen. Ich komme gut voran. Fahre knapp am Limit, d.h. irgendwo im sogenannten Entwicklungsbereich mit Puls 160 bis 168. Im letzten Abschnitt fallen sogar einige persönliche Bestzeiten. Ich fühle mich gut, habe keinerlei Beschwerden. Auch das Schwitzen hält sich in Grenzen, weil die hohen Granitfelswände schön Schatten spenden. Nach insgesamt rund 1h45 ist der erste Verpflegungsposten erreicht, an welchem traditionell ein ziemliches durcheinander herrscht. Ich verliere nicht viel Zeit und lass' die Räder ins Wallis rollen.

Nufenenpass, 2478m

Zwischen Oberwald und Obergoms passiert es. Meine Pechserie geht weiter. Der hintere Reifen verliert Luft: ein kleines Loch, doch im brandneuen Reifen findet sich keine Spur von einem Metallteil oder einem Scherbenfragment. Nach einem Tunnel muss ich rechts ranfahren. Es tut weh, Gruppen von Rennrad-Fahrern vorbei rauschen zu hören, während man am Strassenrand versucht einen neuen Schlauch reinzuziehen. Noch mehr weh tut, wenn man beim ersten Versuch das Ventil abbricht und sich wegen einem selbst ärgern muss, weil man die in die Jahre gekommen Mini-Pumpe benutzen muss, welche schon etwas "verhockt" ist. Ich kriege nur ca. 5-6 Bar hinein, gestartet bin ich mit 7.5 Bar... Meine Hoffnung, in Ulrichen einen Bike-Shop mit ordentlicher Pumpe vorzufinden, war vergebens. So muss ich wohl oder übel mit einem "gut federnden" Reifen die 1000 Höhenmeter hinauf zur Passhöhe in Angriff nehmen. Weil ich durch diese Episode ca. 20 Minuten verloren habe, muss ich ordentlich drücken und fahre über dem Limit (ca. 170 Puls im Schnitt). Im unteren Bereich gibt's dadurch wieder eine persönliche Bestzeit, bis nach ganz oben "verliere" ich nur etwas über eine Minute auf meine Bestleistung von letztem Monat. Auf der Passhöhe ist dann Eile angesagt. Flaschen füllen, ein Gel und eine Bouillon müssen reichen. Und ach ja, geärgert über die miserable Velopumpe vom Veranstalter habe ich mich auch noch müssen. Nicht mal eine Druckanzeige hatte dieses Vorkriegsmodell. Eile deshalb, weil in Airolo schliesst die Strecke der Platin-Tour um 11:15 Uhr. Es reicht - mit 7 Minuten Reserve! Eine Ausrede, doch links Richtung Tremola abzubiegen (Gold-Tour) entfällt ;-)

Leventina

Ab Airolo bildet sich schnell eine Gruppe, um besser gegen den mässigen Talwind in der Leventina anzukämpfen. Anfangs war die Gruppe nur 6 Radler gross, wuchs aber bis Biasca doch auf eine Grösse von 20-30 an. Darunter auch einige Iditioten, die achtloss sämtlichen Abfall einfach so in die Wiesen schmeissen. Es soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass Velofahrer keine besseren Menschen sind, nur weil sie sich ohne Motor fortbewegen. Rotlichter werden überfahren (Baustelle am Grimsel, bergab notabene), Sicherheitslinien überfahren (Schöllenenschlucht), Radstreifen nicht benutzt (Leventina). Ich möchte mich hier nicht als etwas besseres darstellen. Auch wegen mir wurde schon mal gehupt und die Hände verworfen ;-)

Lukmanierpass, 1915m

Unterschätze den Lukmanier nicht. Auf dem Höhenprofil der Platin-Tour schaut er relativ harmlos aus. Er knackt nicht einmal die 2000-Meter-Marke, doch er zieht sich unendlich in die Länge. Ab Biasca sind es über 40 Kilometer horizontal und über 1600 Meter vertikal, die es zu überwinden gilt. Davor konnte man es vom Nufenenpass her kommend über 2100 Meter mehr oder weniger laufen lassen. Die Beine sind es sich entsprechend nicht mehr gewohnt, bergauf zu treten. Übermässig steil ist er nie. Einigermassen abwechslungsreich ist er auch, aber halt - eben - lang und die löchrigen Betonplatten nerven. 40 Kilometer: das ist die Strecke von meinem Heimatort Däniken nach Solothurn. An und für sich nichts erwähnenswärtes für einen ambitionierten Hobby-Fahrer. Aber zusammen mit 4.5 mal auf die Schafmatt (je 350 Höhenmeter - ok, Schafmatt ist doppelt so steil ab Rohr SO) ist's schon recht happig - v.a. bei anfangs 30 Grad Celsius und bereits mit zwei anderen veritablen Alpenpässsen in den Beinen. Irgendwie geht auch diese Strapaze vorbei. Ich mache an der Verpflegungsstelle eine etwas längere Rast. Längere Rast heisst: 15 Minuten, sich hinsetzen und Brot mit Schoggi essen. Wobei essen, na ja - runterwürgen irgendwie. Zu wenig Speichel. Es scheint, als würde sämtliche Flüssigkeit für's Schwitzen benötigt. Das Brot behalte ich halb zerkaut noch eine Weile im Mund, bis ich es mit einem ordentlich Schluck aus der Pulle runterspülen kann. Da befinde ich mich bereits auf der Abfahrt Richtung Disentis.

Oberalpass, 2046m

Der Aufstieg zum zweitletzten Pass verläuft bis kurz nach Sedrun/Rueras ruhig. Trotz Gegenwind komme ich gut vorwärts. Nach der Rechtskurve in Dieni beginnen die Qualen. Der Gegenwind wird gefühlt nochmals etwas stärker, so dass ich mich gezwungen sehe, bei 20 km/h und 3 Steigungsprozenten in den Unterlenker zu gehen und Windschatten bei einem Leidensgenosse suchen muss. Nach der sich endlos anfühlenden Gerade bis nach Tschamut muss ich kurz Halt machen: die Füsse entlasten, etwas trinken und versuchen, feste Nahrung zu mir zu nehmen. Es haben sich Druckstellen gebildet an den Fussballen. Der Magen ist stabil. Doch die Lust auf Nahrung hält sich in Grenzen. Mehr als einen halben Riegel krieg ich nicht runter. Mehr ist auch nicht nötig. Ich kriege den Puls nicht mehr gross über die sogenannte "individuelle anaerobe Schwelle" - bleibe also mehrheitlich im Bereich der Fettverbrennung. Energiebereitsstellung ist das eine, Krämpfe verhindern das andere. Enorm wichtig ist bei diesen Temperaturen die Versorgung mit Salz - rund 12 Salztabletten à 1 Gramm nehme ich zu mir. Die 10 Kehren im Schlussaufstieg zur Passhöhe gehen dann auch irgendwie vorbei, erstaunlich gut - auch dank der "Zwangspause". Aber an Bestzeiten ist nicht mehr zu denken. Die Zeit spielt eh eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist das durchkommen. Am Lukmanier und auch auf der langen Gerade nach Tschamut kommen immer kurz Gedanken ans Aufgeben, die gleich wieder verworfen werden. Je näher die Passhöhe kommt, desto mehr lässt die Vorfreude auf die Zieleinfahrt die Schmerzen vergessen und die negativen Gedanken verschwinden. Dass mit dem Sustenpass noch ein happiger, langweiliger Brocken vor mir steht, verdränge ich auf der Passhöhe so guts geht, während ich an einem schattigen Plätzchen an der Verpflegungsstelle eine Cola schlürfe, Schoggibrott esse und mit dem von der Stirn fallenden Schweisstropfen den Boden bewässere ...

Sustenpass, 2224m

Vor dem letzten Aufstieg fühle ich mich sehr gut, kann einige Fahrer überholen. Trotzdem ziehe ich den Joker und höre aufputschende Musik mit einem Knopf im Ohr. Beide Ohren zuzustöpseln wäre zu gefährlich - zu viel Verkehr. Die ersten Kehren und Tunnels gehen sehr gut. Nicht so gut wie am Grimsel/Nufenen, aber deutlich besser als am Lukmanier. Dann beginnt die Leidenszeit. Schon bald sieht man das Meiental hinauf zur vermuteten Passhöhe. Zermürbend! Noch rund 1000 Höhenmeter stellen sich mir in den Weg, nachdem ich 5500 Höhenmeter hinter mir gelassen habe. Ich muss ein paar Mal anhalten. Der Rücken will nicht mehr. Die Schulter ist arg verspannt und Füsse melden sich auch ab und an. Der Schweiss tropft. Kopfsache! Ich wechsle die Musik, fahre dabei fast in ein Gruppe "gestrandeter" Radler (vermutlich Panne). Im zweitletzten Moment kann ich noch ausweichen. Durch die zahlreichen Pausen überhole ich immer wieder die gleichen Radler. Sie kennen mich vermutlich bereits vom hören. Denn irgendwas knackst. Ich hoffe, es ist der Sattel. Mit jeder Pedalumdrehung knarrt es. Insgesamt geschätzte 40'000 Mal. Total waren es 54'000 Kurbelbewegungen während den 9 Stunden "Pedalzeit". Nach anderthalb Stunden ist's vorbei. Ich erreiche den Scheiteltunnel. Trinke eine Bouillon, esse ein paar Orangenschnitze, ziehe die Windweste an und ab gehts auf die 30-minütige Abfahrt hinunter nach Innertkirchen.

Zieleinfahrt

Auf der Abfahrt konnte ich mich offenbar sehr gut erholen. Auf dem kurzen Aufstieg "über" die Aareschlucht gibt's erneut einen persönlichen Rekord. Die Vorfreude auf die Zieleinfahrt und das damit verbundene Adrenalin lassen sämtliche Schmerzen verschwinden und letzte Reserven aktivieren. Ich rausche dem Ziel entgegen, überhole noch ein paar Fahrer und dann - peng - ist's vorbei. Einfach geil! Dutzende Leute klatschen begeisternd und anerkennend, der Speaker nennt einem mit Namen und meint ein paar Minuten später in breitem Berndeutsch, als weitere Fahrer eintreffen: "Das se halt scho verrockti Cheibe, die Platin-Fahrer...". Wie wahr!

2500 Radler vor dem Start in Meiringen
Pause am Lukmanier 
Pause in Tschamut
Selfie am Oberalp
Im Aufstieg zum Oberalp
Selfie im Ziel

So sehen Beine und Füsse aus nach 13 Stunden Velo fahren :-) 
Und so die Belohnung dafür - konnte leider nicht warten für's Foto :-) 



Dienstag, 23. Juni 2015

Zahlen und Fakten

Wo für viele eine Reise beginnt, war für mich heute Dienstag morgen das Abenteuer fertig. In der Hafenstadt Hamburg, wo viele grosse Kreuzfahrtschiffe ablegen, stieg ich gestern Abend in den Komet ein (Nachtzug Hamburg-Zürich von City Night Line; apropos Nachtzug: www.umverkehr.ch).

Hier die Tour in Zahlen für's Archiv.

  • Datum: 30. Mai - 23. Juni 2015
  • Etappen: 18
  • Ruhetage: 5
  • Länder: Schweiz, Deutschland, Tschechien, Polen, Litauen, Schweden, Dänemark
  • Währungen: Schweizer Franken, Euro, Polnische Sloty, Tschechische, Schwedische und Dänische Kronen
  • Distanz: 2739 km (pro Etappe: 152) 
  • Dauer: 97 h 47 min (5:27)
  • Höhenmeter: 16'000 m (920)
  • Schnitt: 28.0 km/h
  • Energieverbrauch: 62'000 kcal (3440)





  • Video-Beiträge auf Blick online: 1
  • Platte Reifen: 0
  • Gegenwind lautstark mittels "Urschrei" verflucht: ca. 7 mal
  • Vom Rückenwind stark profitiert: mind. in 4 Etappen - oder mehr?!
  • Von Hunden verfolgt: zweimal
  • Von Hunden eingeholt: nie
  • Vom Regen geduscht: 4x
  • Von Sonne verwöhnt: fast durchgehend
  • Garmin abgestürzt: 3-mal
  • Schlaglöcher ausgewichen: unzählige
  • Bodenwellen geschluckt: noch mehr
  • Nicht benötigte Bekleidung: Regenhose, Badehose
  • Wasser pur aus Bidon getrunken: 45.8
  • ... sowie Süssgetränke und Iso-Zeugs: 27.6 Liter
  • ... oder pro Tag: 2.5 bzw. 1.5 l (max. 4.4 und 2.9 l)
  • Schweizer Torjubel: 2 :-)




Montag, 5. Januar 2015

In 15 Tagen von Bangkok nach Kuala Lumpur

Bereits eine Woche ist vergangen seit unserer Ankunft in Kuala Lumpur. Hier noch ein paar Zahlen und Fakten zur "letztjährigen" Tour:
  • 14. - 29. Dezember 2014
  • Etappen: 14, plus eine Mini-Etappe auf Ko Lanta
  • Distanz: 1750 km, 125 km pro Etappe
  • Dauer im Sattel: 2 Tage, 17 Stunden
  • Dauer unterwegs (mit Pausen): 3 Tage und 16 Stunden
  • Durchschnittsgeschwindigkeit: 27.1 km/h (ohne Pause, mit Pausen: 19.8 km/h)
  • Höhenmeter: 6'300 m
  • Durchschnittsleistung (gemäss Strava): 131 W
  • Puls (Schnitt): 123 bpm
  • Kalorienverbrauch: 31'200 - 34'800 (je nach Quelle)
  • Gewichtsveränderung: -1.9 kg (*)
    • -0.5 kg Fettmasse
    • -0.7 kg Muskeln
    • -0.7 kg Wasser
  • Highlight: Essen
  • Lowlight: Regen
  • Wetter: in Thailand mehrheitlich sonnig und warm (>30°C), in der zweiten Hälfte und insb. ab Malaysia viel Regen und nicht mehr so warm (<25°C)
  • 3 Dinge, die ich nicht mehr mitnehmen würde
    • 3 paar kurze Hosen
    • Schloss
    • Garmin 510
  • 3 Dinge, die ich vermisst habe
*) Muskelmasse besteht zu 80% aus Wasser und nur zu 20% aus Proteinen und Fett ist ein Viertel auch "nur" Wasser - so gesehen geht die Rechung auf. Was mir mehr Sorgen macht, ist dass ich trotz 3-6 Stunden beinahe täglichem Radeln fast ein Kilogramm Muskeln verloren habe :-)


Freitag, 2. Januar 2015

Reisealphabet Bangkok - Kuala Lumpur


Die Ferien sind vorbei. In knapp 2 Stunden bringt mich Lufthansa in den Winter. Freue mich! Die vergangenen 3 Wochen möchte ich mit einem Reisealphabet zusammenfassen:

A: Apidura
So heisst der Hersteller meines Leichtgewichtgepäcks. Leider nicht wasserdicht wie beworben. Musste auf Mülltüten zurück greifen.

B: Biagio
Biagio Colletto hiess mein Begleiter und Reiseführer ;-)

C: Continental
Reifenhersteller. Offenbar besser als Schwalbe, den Biagio hatten keinen Platten mit diesen. Ich hingegen mit meinem Schwalbe Durano einen. 

D: Datenabo 
Brauchte drei Stück: erst 50, dann 200 und schliesslich 1000 MB. Hatte keine Lust auf ständigen SIM-Kartenwechsel mit einer lokalen Prepaid-Karte aus dem 7-Eleven-Shop. 

E: Essen
Kulinarisch kommt man auf seine Kosten. Nur einmal schlecht gegessen. (Und nun ein zweites Mal bei KFC am Flughafen.). An die Schärfe gewöhnt man sich schnell. Thailändisch, Malaysisch, Indonesisch, Chinesisch und Indisch. Nie Western Food. 

F: Fahrrad
Mein Trek Domane hielt den Belastungen stand. (Nicht selbstverständlich nach der letzten Tour.) Übersteht es auch die Rückreise im Karton?

G: Garmin 1000
Irgendwo auf der Strasse zwischen Khiri Khan und Bang Saphan liegt Biagios Velocomputer

H: Höhenmeter
Machten wir man nicht viele. Wir waren maximal auf 320 Meter über Meer. Insgesamt waren es etwa 6000 hm verteilt auf 1750 km, was 0.3 % durchschnittlicher Steigung entspricht.

I: Idioten
Gibt es leider überall. Nicht die Autofahrer - die waren sehr rücksichtsvoll und geduldig - sondern ein Rollerfahrer, der mich überholte und dessen Beifahrer, der mich absichtlich bei Überholen gehauen hatte :-( Ist aber nichts passiert, ausser einem gehörigen Schreckmoment und einem Beinahesturz der beiden Deppen. 

J: Jahrhunderthochwasser
Das musste in Malaysia ausgerechnet während unserer Zeit stattfinden :-)

K: Komoot 
App um unterwegs Touren zu planen. Nach Biagios Verlust des Garmins sehr hilfreich, v.a. ab Malaysia, wo es deutlich mehr Strassen gibt. Funktioniert sehr gut. Gibt nächste Abzweigung, Strassentyp und -Belag sowie Höhenmeter an. Kann ich sehr empfehlen. Allerdings nur mit Zusatzakku ;-)


L: Laundry Service
Praktisch wenn man nach Ankunft im Hotel seine Wäsche nicht selbst machen muss.

M: Massage
In Thailand gehört eine Massage nach einem langen Radtag einfach dazu. Eine fragte mich, nachdem sie meine Beine massiert hatte, ob ich professioneller Radfahrer bin ... (Dafür müsste ich aber noch 20 kg abnehmen :-)

N: Natel
Unverzichtbar. Für beide!

O: Ortlieb
Biagios Taschen bestanden der Dichtigkeitstest

P: Pech
Konzentrierte sich vorwiegend auf meinen Reisepartner (Verspätete Ankunft seines Rads, Speichenbruch, Garmin verloren, Sitzprobleme, ...)

Q: Qualen
Hatte ich nur zu Beginn, als ich mit der Hitze nicht zu Recht gekommen war

R: Regen
Leider zu viel

S: Strassen
In Thailand alle in Topzustand, auch Nebenstrassen. Wenig Verkehr. In Malaysia leiden die Strassen unter dem starken Verkehr. 

T: Titan
Falls jemand einen Massvelo aus Titan braucht, ich kenne da jemanden ;-) - http://www.hilite-bikes.com

U: Urwald
Gabs leider etwas wenig zu sehen. Viele Palmöl- und Gummibaumplantagen. 

V: Verkehr
Siehe Strassen

W: Winter
Gabs nur Zuhause - wird leider wieder wegeregnet :-(

X: Xmas
Konnte dem Weihnachtskitsch leider nicht entfliehen - immerhin: der Weihnachtsbaum im Hotel in KL war echt und duftete fein. 

Y: Yeah
Ausdruck der Freude beim erreichen des Ziels

Z: Zukunft
Habe einige Pläne im Kopf - möchte aber noch nichts verraten ...