Sonntag, 18. Juni 2017

Die grosse Kraftprobe

War das ein Ritt. Die Velofahrt meines Lebens. Wobei Velofahrt tönt verharmlosend und passt irgendwie nicht, zu dem was ich ab Freitag Abend erleben durfte. Unglaublich zu was der Körper im Stande ist. Irgendwie fühlte sich der Event wie ein 3D-Film an, der sich vor einem abspielt: nur dass der Kinosessel weniger komfortabel ist und die Filmrolle muss man selbst drehen muss. Diese zwei Rollen bzw. Laufräder führen dich durch halb Norwegen und durch 3 Jahreszeiten. 

 

Unser Start ist um kurz vor elf am Freitag Abend. Geschlafen haben wir nicht mehr seit 5 Uhr 30 - eigentlich würde ich an einem normalen Tag ins Bett gehen. Bruno und ich sind so angespannt, dass wir uns fast zwei Stunden vor der Startzeit auf den Weg zum Startgelände machen. Der Regen setzt aus, kommt aber pünktlich zum Start zurück, so dass meine brandneuen Überschuhe bereits nach 30 Minuten durch sind und sich die Füsse auf den ersten 50 Kilometern schön einweichen können. Immerhin hält die Regenjacke dicht. Wir - Bruno, Remo und Sven, den wir im Startblock kennen lernen - lösen uns bald von der rund 40-köpfigen Gruppe ab und fahren auf der manchmal zur Autobahn ausgebauten E6 in die Nacht. Wobei Nacht ist übertrieben: richtig dunkel wurde es nie. Und um drei Uhr im Aufstieg zum Dorvefjell ist es bereits wieder hell. Die flach stehende Sonne beleuchtet die rauhe, baumlose Landschaft. Das hätte einen Oscar verdient. Surreal. 

 

Der Film wird kurz zum Drama. Bei Temperaturen nur knapp über null frieren mir fast die Hände ab, weil die Pause immer weiter nach vorne verschoben wird, wo ich mir die Handschuhe anziehen könnte. Die Füsse sind nun nass und kalt. Remo muss nach 200 Kilometern wegen Rückenproblemem aufgeben und steigt ins Begleitauto von Sven ein. Wir fahren zu dritt in die kalte Abfahrt und müssen richtig treten um warm zu kriegen.

 

In Dombas machen wir nur kurz Pause, wie auch an den anderen 8 Labestationen. Das Angebot ist überall ähnlich: abgepackte Sandwiches, Bananen, Suppe und Isogetränk. Wir schliessen zu einer Gruppe auf, die 40 Minuten vor uns gestartet sind und wechseln uns mit Führungsarbeit ab. Ich bekomme eine Krise und muss mich konzentrieren wach zu bleiben. Zwei, drei mal bin ich gar nahe am Sekundenschlaf. Ich bin nun seit 24 Stunden wach. Nach 30 Kilometern löst sich die Gruppe auf. Wir fahren zu dritt weiter auf dem leicht abfallenden Terrain bis zur nächsten Station in Kwam. Wir sind so früh dran, dass die Labestation noch nicht bereit ist. Zum Glück ist die Kaffeemaschine bereits in Betrieb. Der Koffeinschub hebt die Stimmung. Ich bin zuversichtlich, dass wir es schaffen werden. Wobei der Weg ist noch lang. Nicht mal die Hälfte ist geschafft. Doch den härtesten Teil haben wir hinter uns. Müde bin ich auch nicht mehr. Die Beschwerden halten sich in Grenzen. 

 

Die nächste grössere Stadt nach Kwam ist Lillehammer, wo 1994 die olympischen Winterspiele statt fanden. Wir fahren an der Bobbahn vorbei und sehen auf der anderen Seite des Mjøsa-Sees die Skisprungschanze. Die Route führt nicht entlang der flachen Hauptstrasse, sondern geht wellig durch die Dörfer am Hang entlang. Das ewige auf und ab nervt zwar, aber wir kommen gut voran und wir harmonieren perfekt. Grossartig ist die Unterstützung durch Remo und Thorsten aus Svens Begleitauto. (Sven fährt für einen guten Zweck und sammelt Geld.) Wir schätzen das sehr. Wir können unsere nicht mehr benötigten Winterkleider abgeben und fahren bald kurz-kurz. Inzwischen strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel und die Temperaturen sind wieder deutlich im zweistelligen Bereich. Die Füsse sind auch wieder trocken und warm. Ein grosses Dankeschön an dieser Stelle für den tollen Support!

 

An der Station in Biri bei Kilometer 383 stopfen wir uns ein paar leckere Sandwiches in die hungrigen Mäuler und spülen sie mit Kaffee runter, während Sven alleine weiter fährt. Wir holen ihn bald wieder ein. Doch er leidet und ist am Anschlag, so dass wir ihn bald hinter uns lassen müssen. Bruno realisiert, dass wir die ersten sein könnten, die aus Trondheim im Ziel sein könnten. Entsprechend gehetzt geht es an den verbleibenden Stationen zu. Dieses Zeil motiviert auch mich zusätzlich. Wir müssen zu weit noch rund 150 Kilometer abspulen. 36 Stunden sind wir nun wach und haben 400 Kilometer, 0 Grad Celsius und Regen (zum Glück nicht gleichzeitig) hinter uns. 

 
Am Ende des Mjøsa-Sees dreht der Wind und kommt nun von vorne. Zudem nimmt der Verkehr zu. Hinter Radfahrern, die auf den kürzeren Strecken unterwegs sind, gibt es immer wieder Stau. Die norwegischen Autofahrer sind sehr rücksichtsvoll und warten sehr lange, bevor sie überholen. Das Gebiet wird urbaner und gibt landschaftlich nicht mehr viel her wie zuvor. Dafür geniessen wir Vorfahrt in den vielen Kreiseln und werden von den Helfern und einigen Zuschauern durch Heja-Rufe unterstützt. Das Profil ist auch nicht mehr ohne - oder mindestens fühlt es sich so an. Nach so vielen Kilometern tut jeder noch so kleine Anstieg weh. Die Energie-Level ist bei Beiden trotzdem hoch genug, dass wir ordentlich vorwärts kommen und bald der letzte Anstieg geschafft ist. Auf diesem sind für die Radler extra zwei (!) Spuren der Autobahn abgetrennt. Den Ortsschildsprint am Stadtrand von Oslo lassen wir aus und verabreden, dass wir zusammen über die Ziellinie fahren werden. 

 

Der Speaker in der Ankunftshalle realisiert rasch, dass hier soeben die ersten beiden Fahrer ankommen, die 18 Stunden und 40 Minuten zuvor in Trondheim gestartet sind. So darf Bruno noch ein kurzes Interview geben, während ich die Szene fotografisch festhalte. Danach setzen wir uns auf den Boden. Ich spule den Film gedanklich nochmals zurück und habe Angst, dass ich danach nicht mehr aufstehen kann. Eine knappe Stunde später kommt Sven ins Ziel. 

 

Dieser Film kommt ganz zuvorderst ins Regal und ich werde in gerne immer wieder ansehen - drehen nicht mehr unmittelbar wieder: Pain is temporary, glory is forever!

 
 
    
 
    

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