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Montag, 22. August 2016

Tortour-Rennbericht

Da bereitet man sich monatelang auf den Event des Jahres vor, steckt die Köpfe bereits dann zusammen, wenn's draussen schon ab 18 Uhr dunkel wird. Man schwitzt deshalb mehr Indoor auf der Rolle und schaut dabei Eishockey-Playoffs, testet Abläufe, bespricht Materiallisten und Ablösungen, organisiert das Mietauto, entwirft ein eigenes Dress - und am Event selbst fährt man dann so, dass es möglichst rasch vorüber geht. Irgendwie paradox. Und schade: denn es war genial - vom Teamgeist, zur Strecke, über die Form bis zum Wetter - alles hat gepasst! Gerne wieder?

Dann kommt der Sommer. Auf der Pyrenäen-Tour ist die Tortour weit weg. Ab Mitte Juli kommt sie schliesslich immer näher. Es wird greifbar und konkret. Das Dress ist da. Es wird August. Zwei Wochen zuvor die erste konkrete Vorfreude an den Zieleinlauf und was für ein abartiges gewaltiges Gefühl das wird - wie gewaltig emotional es tatsächlich werden würde, konnte ich noch nicht erahnen. Dann gilt es den Trainingsumfang zu reduzieren, sich gut zu erholen und noch ein halbes Dutzend Bestellungen von Fahrradzubehör zu tätigen, damit man ja alles doppelt und dreifach dabei hat.

Am Genfersee bei Rennhälfte ist der Zieleinlauf weit weg - fast die Diagonale der Schweiz, eine Nacht und vorausgesagtes Westwind-Regenwetter liegt noch vor uns. Mir ist schlecht. Meinem Partner Mario geht es auch nicht besonders gut. Bis dahin war alles ein einziges Hoch. Schon der Start war unbeschreiblich: der Start nur begleitet von anderen Verrückten mitten in der Nacht unter Vollmond knapp oberhalb von Nebenbänken versprach einiges und war der Beginn des Hochgefühls. Voller Endorphine und körpereigenen Cannobinoiden rausche ich danach über Wildhaus ins und durchs Rheintal und über Oberalp- und Sustenpass um auf dem Beatenberg den emotionale Höhepunkt zu erleben: Ich sehe Eiger, Mönch und Jungfrau vor blauem Himmel; einen Anblick, der mir 10 Tage zuvor verwehrt wurde bei den Ferien in Interlaken mit meinen Eltern, meinem Bruder und Schwägerin mit Göttimeitli (9 Monate). Dann gehts weiter. Mario quält sich über den giftigen Jaunpass, der Aufgrund einer Baustelle von der steileren und engen Anfahrt angefahren werden muss.

Währenddessen warten wir in Bulle. Das Team will eigentlich endlich mal etwas anständiges Essen: ehrlich gesagt, ich habe sie nie essen gesehen. Doch Mario ist bereits auf der Passhöhe. Das heisst bereit machen für die kommende Nacht: Leuchtweste anziehen und Licht montieren. Und los gehts. Die Fahrt wird sensationell. Praktisch kein Verkehr am Col des Mosses. Es rollt gut. Das Team unterstützt mich fantastisch. Dazu wieder dieser Mond, der nun nahe am Horizont ist und entsprechend gross wirkt. Kühl ist's. Auf der Passhöhe entscheide ich mich falsch. Ziehe nur eine dünne Regenjacke an um mich gegen den Wind auf der folgenden Abfahrt nach Aigle zu schützen. Auf Knielinge verzichte ist. "Wird schon gehen", obwohl fast 900 Höhenmeter Abfahrt bei 10 Grad vor mir liegen. Ich friere und signalisiere, dass ich anhalte. Das Begleitauto ist hinter mir. Wir halten. Ich bin so zittrig, dass das Velo beinahe auf den Boden fällt. Das Team erschrak und meinte, das Ersatzvelo bereit machen zu müssen. Auf Knielinge verzichte ich, ziehe aber eine dickere Jacke über und weiter gehts.

Wir sind nun also am Genfersee, genauer gesagt in Aigle, wo uns eine gemeinsame Etappe bis nach Morges bevorsteht, und damit zurück zu den Problemen. Gemäss Velo-Computer hatte ich bislang 7000 Kilokalorien verbraucht. Diese müssen ersetzt werden. Was oben rein geht, muss auch wieder raus. Seit Disentis musste ich circa 6 mal das stille Örtchen aufsuchen. Inzwischen hatte ich 260 km und 4400 Höhenmeter in den Beinen. Zudem war mir schlecht, hatte weder Appetit noch Durst. Gleich zu Beginn der Etappe in Aigle fahre ich Mario davon - völlig übermotiviert habe ich rasch ohne es zu merken circa 100m Vorsprung. Ich realisiere es und reduziere das Tempo, so dass mich Mario einholen kann. Er meinte, jetzt müssen wir in den Überlebensmodus wechseln und uns so gut es geht erholen auf der Flachetappe. Aufgehalten von rund einem Dutzend Rotlichtern fahren wir durch Montreux und Vevey und sehen dabei viel Ausgangsvolk - es ist Freitag abend und das Wochenende beginnt. Die Übelkeit verschwindet langsam dank dunkler Schokolade. Ich werde ermuntert, genügend zu trinken und stelle einen Timer, um alle 5 Minuten ein Schluck zu nehmen. Das Koffein in der Schokolade und der Zucker entfalten seine Wirkung. Mir gehts langsam besser. Wir kommen in Morges an. Auf der Fahrt nach Baulmes im Auto und im Ort selbst kann ich etwas vor mich hindösen - zum ersten Mal seit der Tagwache in Schaffhausen vor rund 24 Stunden. Nach geschätzten 1.5 Stunden "Döschlaf" und einem leckeren Kartoffelsalat gehts für mich weiter Richtung Jura: einer schönen, ruhigen Etappe durch Wälder, von denen gewissen Leute behaupten, darin (grüne) Feen gesehen zu haben. Ich sehe nur wie sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, geniesse die Ruhe im Jura und radle dem Sonnenaufgang entgegen. Es kommt wieder ein Hochgefühl auf. Die zweite Nacht ist überstanden und der Magen verträgt wieder feste Nahrung. Zudem rückt das Ziel näher und wird greifbar. In Le Locle schicke ich Mario in den leichten Nieselregen nach Reconvillier.

An der nächsten Timestation gibt's einen kurzen Schwatz plus Foto mit einem Abfahrtsweltmeister aus dem letzten Jahrtausend (Urs Lehmann, 1993), sowie einen leckeren Kaffee. Den ersten nach rund 6 Tagen. Im Vorfeld hatte ich weitesgehend auf Kaffee (bzw. Koffein) verzichtet, was zwar schwer fiel, aber nun sein volle Wirkung entfalten sollte. So sehr, dass ich die drittbeste Zeit der Zweier-Team-Fahrer auf dem Abschnitt nach Balsthal aufstellte - vorausgesetzt, man vertraut der handschriftlichen, nur Minuten-genauen Zeitnehmung an den Timestations. Jedenfalls machte es uneingeschränkt Spass im Renntempo durch bekanntes Terrain zu heizen, stets unterstützt vom grossartigen Team. Etwas weniger Spass dürfte Mario gehabt haben einmal quer durch den Jura an den Rhein nach Laufenburg: Belchenpass (500 Hm/12%) und der Oltinger Stich (20%) warteten auf ihn.

In Laufenburg bereiteten wir uns schon auf Regen vor. Doch er kam nicht. So hinderte mich nichts daran, nochmals alles zu geben auf der Flachetappe dem Rhein entlang nach Glattfelden, wo mich Mario erwartete. Die letzte Etappe war wieder eine gemeinsame und eine einzige Genussfahrt. Das nächst-platzierte Zweier-Team hinter uns hatte rund 5 Kilometer Rückstand. So konnten wir es etwas gemütlicher nehmen. Hätte uns das Team noch eingeholt, wäre das auch egal gewesen: ankommen hiess die Devise von Anfang an und insbesondere ab dem Genfersee. Der Zieleinfahrt draussen und auf der Bühne - perfekt inszeniert unter tosendem Applaus und dem Sound von Faithless "Insomnia" - da fehlen einem die Worte ... drum zwei Videos:


Am Schluss schaute Rang 8 von 20 Zweier-Teams heraus, drei Teams hatten aufgegeben. Wir sind überglücklich mit der Zeit von 37:38h und einem Schnitt von 26.7 km/h. Nach Frauenfeld lagen wir auf Rang 8, verloren dann je einen Rang bis nach Unterwasser und Chur, welchen Mario in der Rheinschlucht bei Versam und ich Oberalp-/Sustenpass wieder holten (Details: Rangliste und Etappen, sowie in der offiziellen Rangliste).

Packen, packen, packen, ...
Ausruhen so lange es geht vor dem Briefing
So eine Timestation ist an sich nichts aufregendes
Hoch auf dem höchsten Punkt (Sustenpass, 2264m)
Trinkflaschencheck in der Aufffahrt zum Beatenberg
Ausruhen im Hangar an der Timestation in Interlaken
Urs Lehmann - CEO von Similisan

Voller Einsatz am Bölchen von Jürgen, Martin und v.a. Mario!
Zieleinfahrt
Dreamteam (v.l.n.r): Martin, Jürgen, Odilia, Stefan, Mario, Beat, Chregi, Jean-Pierre























Freitag, 15. April 2016

Begleitfahrzeug für Tortour

Unser Tortour-Projekt geht in die nächste Phase. Wir sind angemeldet und die Startgebühr ist bezahlt. Wir, das sind Mario S und ich als Fahrer, sowie 6 (!) Betreuer, die uns auf dem Abenteuer rund um die Schweiz unterstützen werden. Besten Dank nochmals an dieser Stelle!

Als nächstes kommt das Organisieren, nicht ganz ohne. Ich habe das ein wenig unterschätzt, was es alles zu beachten und zu tun gibt. Das fängt an beim Strom (kein GPS-Gerät hält 40h, Laptops schon gar nicht), wie trainiert man, wie ernährt man sich unterwegs (alles flüssig, liegt auch mal Pasta drin?), kann man sich auf den Schlafentzug vorbereiten (sollte man?!), wie organisiert man die Ablösungen innerhalb des Begleitteams, wie findet die Kommunikation zwischen Fahrer und Begleiter statt (reicht ein Handy, oder braucht's Funkgeräte?), etc.

Doch dies hat alles noch seine Zeit. Wichtiger ist im Moment, dass wir zwei Begleitfahrzeuge auf sicher haben für die Zeit vom 17. bis 21. August. Mein 20-jähriger Opel Astra kommt dafür definitiv in Frage, auch ein "Stadt-Jeep" (SUV) scheint uns zu klein, denn das Auto sollte idealerweise über folgende Eigenschaften verfügen:

  • Zugelassen für 4 Personen (d.h. viele "Baustellen"-Fahrzeuge mit einer dreier Sitzbank vorne fallen weg)
  • Viel Ladefläche für Velo, Materialkisten und ein Iso-Mätteli (die Velo-Fahrer wechseln sich ab, ein Fahrer fährt im Auto mit und ruht sich aus, während der andere auf dem Velo ist)
  • Verfügbar vom Mittwoch Abend, 17. August bis Sonntag, 21. August (morgen)

Und da kommt ihr ins Spiel - werte Freunde, Bekannte und Verwandte:

Habt ihr ein solches Auto oder kennt ihr jemanden (Freunde, Bekannte, euer Garagist des Vertrauens, ...), das ihr uns im erwähnten Zeitraum zur Verfügung stellen könnt?

Keine Angst, ihr kriegt das Auto wieder im Originalzustand und geputzt zurück, und gratis wollen wir es auch nicht. Aber diese Punkte verstehen sich von selbst ;-)






Sonntag, 30. August 2015

Bericht eines langen, anstrengenden und schönen Tages

Grimselpass, 2164m

Der Aufstieg zur Grimselpasshöhe zieht sich in die Länge, ist aber dank der abwechslungsreichen Streckenführung und der Morgenfrische gut zu meistern. Es gibt einige steilere Abschnitte (10%), aber auch flache Passagen in Guttannen und entlang den Stauseen. Ich komme gut voran. Fahre knapp am Limit, d.h. irgendwo im sogenannten Entwicklungsbereich mit Puls 160 bis 168. Im letzten Abschnitt fallen sogar einige persönliche Bestzeiten. Ich fühle mich gut, habe keinerlei Beschwerden. Auch das Schwitzen hält sich in Grenzen, weil die hohen Granitfelswände schön Schatten spenden. Nach insgesamt rund 1h45 ist der erste Verpflegungsposten erreicht, an welchem traditionell ein ziemliches durcheinander herrscht. Ich verliere nicht viel Zeit und lass' die Räder ins Wallis rollen.

Nufenenpass, 2478m

Zwischen Oberwald und Obergoms passiert es. Meine Pechserie geht weiter. Der hintere Reifen verliert Luft: ein kleines Loch, doch im brandneuen Reifen findet sich keine Spur von einem Metallteil oder einem Scherbenfragment. Nach einem Tunnel muss ich rechts ranfahren. Es tut weh, Gruppen von Rennrad-Fahrern vorbei rauschen zu hören, während man am Strassenrand versucht einen neuen Schlauch reinzuziehen. Noch mehr weh tut, wenn man beim ersten Versuch das Ventil abbricht und sich wegen einem selbst ärgern muss, weil man die in die Jahre gekommen Mini-Pumpe benutzen muss, welche schon etwas "verhockt" ist. Ich kriege nur ca. 5-6 Bar hinein, gestartet bin ich mit 7.5 Bar... Meine Hoffnung, in Ulrichen einen Bike-Shop mit ordentlicher Pumpe vorzufinden, war vergebens. So muss ich wohl oder übel mit einem "gut federnden" Reifen die 1000 Höhenmeter hinauf zur Passhöhe in Angriff nehmen. Weil ich durch diese Episode ca. 20 Minuten verloren habe, muss ich ordentlich drücken und fahre über dem Limit (ca. 170 Puls im Schnitt). Im unteren Bereich gibt's dadurch wieder eine persönliche Bestzeit, bis nach ganz oben "verliere" ich nur etwas über eine Minute auf meine Bestleistung von letztem Monat. Auf der Passhöhe ist dann Eile angesagt. Flaschen füllen, ein Gel und eine Bouillon müssen reichen. Und ach ja, geärgert über die miserable Velopumpe vom Veranstalter habe ich mich auch noch müssen. Nicht mal eine Druckanzeige hatte dieses Vorkriegsmodell. Eile deshalb, weil in Airolo schliesst die Strecke der Platin-Tour um 11:15 Uhr. Es reicht - mit 7 Minuten Reserve! Eine Ausrede, doch links Richtung Tremola abzubiegen (Gold-Tour) entfällt ;-)

Leventina

Ab Airolo bildet sich schnell eine Gruppe, um besser gegen den mässigen Talwind in der Leventina anzukämpfen. Anfangs war die Gruppe nur 6 Radler gross, wuchs aber bis Biasca doch auf eine Grösse von 20-30 an. Darunter auch einige Iditioten, die achtloss sämtlichen Abfall einfach so in die Wiesen schmeissen. Es soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass Velofahrer keine besseren Menschen sind, nur weil sie sich ohne Motor fortbewegen. Rotlichter werden überfahren (Baustelle am Grimsel, bergab notabene), Sicherheitslinien überfahren (Schöllenenschlucht), Radstreifen nicht benutzt (Leventina). Ich möchte mich hier nicht als etwas besseres darstellen. Auch wegen mir wurde schon mal gehupt und die Hände verworfen ;-)

Lukmanierpass, 1915m

Unterschätze den Lukmanier nicht. Auf dem Höhenprofil der Platin-Tour schaut er relativ harmlos aus. Er knackt nicht einmal die 2000-Meter-Marke, doch er zieht sich unendlich in die Länge. Ab Biasca sind es über 40 Kilometer horizontal und über 1600 Meter vertikal, die es zu überwinden gilt. Davor konnte man es vom Nufenenpass her kommend über 2100 Meter mehr oder weniger laufen lassen. Die Beine sind es sich entsprechend nicht mehr gewohnt, bergauf zu treten. Übermässig steil ist er nie. Einigermassen abwechslungsreich ist er auch, aber halt - eben - lang und die löchrigen Betonplatten nerven. 40 Kilometer: das ist die Strecke von meinem Heimatort Däniken nach Solothurn. An und für sich nichts erwähnenswärtes für einen ambitionierten Hobby-Fahrer. Aber zusammen mit 4.5 mal auf die Schafmatt (je 350 Höhenmeter - ok, Schafmatt ist doppelt so steil ab Rohr SO) ist's schon recht happig - v.a. bei anfangs 30 Grad Celsius und bereits mit zwei anderen veritablen Alpenpässsen in den Beinen. Irgendwie geht auch diese Strapaze vorbei. Ich mache an der Verpflegungsstelle eine etwas längere Rast. Längere Rast heisst: 15 Minuten, sich hinsetzen und Brot mit Schoggi essen. Wobei essen, na ja - runterwürgen irgendwie. Zu wenig Speichel. Es scheint, als würde sämtliche Flüssigkeit für's Schwitzen benötigt. Das Brot behalte ich halb zerkaut noch eine Weile im Mund, bis ich es mit einem ordentlich Schluck aus der Pulle runterspülen kann. Da befinde ich mich bereits auf der Abfahrt Richtung Disentis.

Oberalpass, 2046m

Der Aufstieg zum zweitletzten Pass verläuft bis kurz nach Sedrun/Rueras ruhig. Trotz Gegenwind komme ich gut vorwärts. Nach der Rechtskurve in Dieni beginnen die Qualen. Der Gegenwind wird gefühlt nochmals etwas stärker, so dass ich mich gezwungen sehe, bei 20 km/h und 3 Steigungsprozenten in den Unterlenker zu gehen und Windschatten bei einem Leidensgenosse suchen muss. Nach der sich endlos anfühlenden Gerade bis nach Tschamut muss ich kurz Halt machen: die Füsse entlasten, etwas trinken und versuchen, feste Nahrung zu mir zu nehmen. Es haben sich Druckstellen gebildet an den Fussballen. Der Magen ist stabil. Doch die Lust auf Nahrung hält sich in Grenzen. Mehr als einen halben Riegel krieg ich nicht runter. Mehr ist auch nicht nötig. Ich kriege den Puls nicht mehr gross über die sogenannte "individuelle anaerobe Schwelle" - bleibe also mehrheitlich im Bereich der Fettverbrennung. Energiebereitsstellung ist das eine, Krämpfe verhindern das andere. Enorm wichtig ist bei diesen Temperaturen die Versorgung mit Salz - rund 12 Salztabletten à 1 Gramm nehme ich zu mir. Die 10 Kehren im Schlussaufstieg zur Passhöhe gehen dann auch irgendwie vorbei, erstaunlich gut - auch dank der "Zwangspause". Aber an Bestzeiten ist nicht mehr zu denken. Die Zeit spielt eh eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist das durchkommen. Am Lukmanier und auch auf der langen Gerade nach Tschamut kommen immer kurz Gedanken ans Aufgeben, die gleich wieder verworfen werden. Je näher die Passhöhe kommt, desto mehr lässt die Vorfreude auf die Zieleinfahrt die Schmerzen vergessen und die negativen Gedanken verschwinden. Dass mit dem Sustenpass noch ein happiger, langweiliger Brocken vor mir steht, verdränge ich auf der Passhöhe so guts geht, während ich an einem schattigen Plätzchen an der Verpflegungsstelle eine Cola schlürfe, Schoggibrott esse und mit dem von der Stirn fallenden Schweisstropfen den Boden bewässere ...

Sustenpass, 2224m

Vor dem letzten Aufstieg fühle ich mich sehr gut, kann einige Fahrer überholen. Trotzdem ziehe ich den Joker und höre aufputschende Musik mit einem Knopf im Ohr. Beide Ohren zuzustöpseln wäre zu gefährlich - zu viel Verkehr. Die ersten Kehren und Tunnels gehen sehr gut. Nicht so gut wie am Grimsel/Nufenen, aber deutlich besser als am Lukmanier. Dann beginnt die Leidenszeit. Schon bald sieht man das Meiental hinauf zur vermuteten Passhöhe. Zermürbend! Noch rund 1000 Höhenmeter stellen sich mir in den Weg, nachdem ich 5500 Höhenmeter hinter mir gelassen habe. Ich muss ein paar Mal anhalten. Der Rücken will nicht mehr. Die Schulter ist arg verspannt und Füsse melden sich auch ab und an. Der Schweiss tropft. Kopfsache! Ich wechsle die Musik, fahre dabei fast in ein Gruppe "gestrandeter" Radler (vermutlich Panne). Im zweitletzten Moment kann ich noch ausweichen. Durch die zahlreichen Pausen überhole ich immer wieder die gleichen Radler. Sie kennen mich vermutlich bereits vom hören. Denn irgendwas knackst. Ich hoffe, es ist der Sattel. Mit jeder Pedalumdrehung knarrt es. Insgesamt geschätzte 40'000 Mal. Total waren es 54'000 Kurbelbewegungen während den 9 Stunden "Pedalzeit". Nach anderthalb Stunden ist's vorbei. Ich erreiche den Scheiteltunnel. Trinke eine Bouillon, esse ein paar Orangenschnitze, ziehe die Windweste an und ab gehts auf die 30-minütige Abfahrt hinunter nach Innertkirchen.

Zieleinfahrt

Auf der Abfahrt konnte ich mich offenbar sehr gut erholen. Auf dem kurzen Aufstieg "über" die Aareschlucht gibt's erneut einen persönlichen Rekord. Die Vorfreude auf die Zieleinfahrt und das damit verbundene Adrenalin lassen sämtliche Schmerzen verschwinden und letzte Reserven aktivieren. Ich rausche dem Ziel entgegen, überhole noch ein paar Fahrer und dann - peng - ist's vorbei. Einfach geil! Dutzende Leute klatschen begeisternd und anerkennend, der Speaker nennt einem mit Namen und meint ein paar Minuten später in breitem Berndeutsch, als weitere Fahrer eintreffen: "Das se halt scho verrockti Cheibe, die Platin-Fahrer...". Wie wahr!

2500 Radler vor dem Start in Meiringen
Pause am Lukmanier 
Pause in Tschamut
Selfie am Oberalp
Im Aufstieg zum Oberalp
Selfie im Ziel

So sehen Beine und Füsse aus nach 13 Stunden Velo fahren :-) 
Und so die Belohnung dafür - konnte leider nicht warten für's Foto :-) 



Freitag, 28. August 2015

Gold, Platin und Meringues

Platin gilt gemeinhin als sehr wertvolles Edelmetall, teurer als z.B. Gold. Letztes Jahr Ende August war das noch so - trotzdem habe ich mich heute vor einem Jahr für die "Gold-Tour" am Alpenbrevet entschieden, was eine weise Entscheidung war. Die 5000 Höhenmeter (immer noch persönlicher Rekord) und die Abfahrt bei gefühlten Null-Grad vom Sustenpass reichten für's erste. Schliesslich soll man noch Ziele haben für das Folgejahr.

Nun ist der der Platinpreis von dazumal 1400$ pro Feinunze auf 1000$ gesunken, in der gleichen Zeit pendelte sich der Goldpreis bei 1100$ ein. Trotzdem: Platin hat für mich dieses Jahr einen grösseren Wert - denn Platin bedeutet die ultimative Herausforderung: 5 Alpenpässe, 7000 Höhenmeter und 270 Kilometer. Im Moment habe ich noch keine Vorstellung, wie sich das anfühlen wird. Wie reagiert der Körper, wie der Magen auf einen Tag Dauerleistung und Flüssignahrung aus dem Bidon?

Morgen um diese Zeit (17 Uhr) werde ich noch unterwegs sein, vermutlich irgendwo zwischen Oberalp- und Sustenpass. Ich rechne mit 12 bis 13 Stunden Fahrzeit um die Pässe Grimsel, Nufenen, Lukmanier, Oberalp und eben Susten zu bezwingen und freue mich riesig auf die Zieleinfahrt und eine Riesenportion Meringue :-)

In Meiringen gibt's dich grössten Meringues und die längsten Velotouren.



Sonntag, 26. April 2015

Protokoll eines langen Tages



5 Uhr 30 - der Wecker klingelt, eine Stunde vor dem 60 minütigen Startfenster für die Langstreckler. Draussen, na ja, ich getrau mich nicht aus dem Fenster zu schauen; auf die Wettervorhersage auch nicht. Vielleicht auf den Regenradar? Nein, auch auf dieses Ritual verzichte ich dieses Mal. Zu eindeutig waren die Prognosen am Vortag. Nach einem rudimentären Frühstück in der Lobby (Müsli, O-Saft, Kaffee und ein Süssgebäck) traf ich im Zimmer die letzten Vorbereitungen. Was anziehen? was mitnehmen? Das waren die Fragen, die es zu beantworten galt. Ich entschied mich für die "sichere" Variante, will heissen, lieber zu viel als zu wenig. Es kam folgendes mit auf die Reise:

Am Körper:
  • Thermo-Unterleibchen mit Windstopper
  • dünnes Langarm-Trickot
  • Windstopper
  • Radhose plus Knielinge
  • Schuhe mit Regenüberschuh
  • Helm, Sonnenbrille, Buff, kurze Handschuhe
Folgendes kam sonst noch mit:
  • 0.8l-Bidon gefüllt mit Sponser Competition Orange
  • Regenjacke
  • Ersatzregenjacke im "Werkzeug-Bidon"
  • Kappe und lange Handschuhe
  • Gels (Sponser Long Energy und Powerbar)
  • Powerbar-Riegel
Draussen dann der erste Kleiderwechsel: Windstopper aus, Regenjacke an

Kurz vor dem nahe liegenden Start kamen doch noch ein paar Gedanken auf, wie "Was mach hier eigentlich?" "Macht das noch Spass?" Die erste Frage sollte man sich nicht stellen in solchen Momenten ;-) Die zweite ist berechtigt und die Antwort lautet: Ja, aber nicht von Anfang an.

Schon nach der erste Stunde musste ich feststellen, dass ich nasse Füsse hatte. Die Mavic-Überschuhe sind nicht ganz nicht. Ich glaub, das Wasser kam von unten rein, weil sie den Schuh nicht schön umschliessen und vermutlich auch von oben, wo das zwar eng anliegende Bündchen nicht dicht ist. Ok, andere sind von Anfang ohne Regen-Überschuhe gestartet. Vielleicht eine Option für das nächste Mal. Nasse Füsse kriegt man sowieso. Oder dann nach geeigneten Alternativen suchen? (Vorschläge sind im Kommentarfeld willkommen! ;-)

Zurück zum Spass. In den ersten zwei, drei Stunden hielt sich der Spass doch sehr in Grenzen. Bis man mal nass ist, ist's am Schlimmsten. Vor allem wenn man die benötigte Wärme nicht pedalierend erzeugen kann. Ab dem zweiten Verpflegungsstopp in Bastogne wurde es besser. Der Himmel klarte auf. Die Strecke wurde etwas weniger wellig. Richtige Flachstücke hat man trotzdem nie. Es ist ein stetes auf und ab, quasi ein langes Intervall-Training. Richtig zermürbend. Auf die Dauer fast schlimmer als das Wetter, das immer weniger ein Faktor war, weil nur noch ein kurzer Schauer durchfahren werden musste und in den letzten 2 Stunden gar die Sonne hervorkam. Die richtigen steilen und fiesen Stiche sollten erst noch kommen ab Kilometer 180. Noch weit, sehr weit. Zu weit für den Kopf. Ab km 130 musste auf dem Velo-Computer das km-Feld ausblenden und den Kopf frei zu kriegen. Das Terrain war das ideal, stets leicht abwärts. Es rollte sehr gut. Dann kamen sie: die steilen Anstiege, z.T. mit Zeitmessung und Video (im Bild rechts mit gelber Jacke und weissem Helm beim Stockeu). 20% zu drücken nach 200 Kilometer tut weh, sehr weh ...

Nach der ersten Serie dieser Stiche war der Kopf wieder bereit für das Kilometerfeld. Schliesslich waren es "nur" noch rund 70 Kilometer bis zum Ziel. Also durchaus absehbar ;-) Auch die Sonne blickte nun vermehrt hervor und konnte die regennassen Kleider ein wenig trocknen. So kam der Spass doch wieder zum Vorschein und die letzten Kilometer bis ins Ziel gingen mit viel Freude an der Sache gar etwas zu schnell vorbei.

Unterwegs gegessen habe ich stets genügend. Ich kann mich an folgende Energielieferanten erinnern:
  • 8 oder mehr Honigkuchen à 40g (mein Favorit!)
  • ca. 6 lt Iso-Zeugs
  • 1 Banane
  • 2 Waffeln à 100g
  • 3 Spekulatius
  • 3 Orangenschnitze
  • 12 Crackers
  • Handvoll Salzstangen
  • Handvoll Beeren getrocknet 
  • 4 Honigwaffeln
  • 2 oder 3 Sponser "Long Energy", plus ein "plus"
  • 1 Powerbar-Riegel
Im Ziel: 1 Bier (Leffe Blonde) und 1 Hotdog

Auffallend viele Reifenpannen waren zu beobachten am Strassenrand (viele Scherben auf Lüttichs Strassen). Ich musste den "Pechdienst" nie in Anspruch nehmen.
Honigwaffeln zur Genüge - die Verpflegung war top, wenn auch wenig Abwechslung und "grusiges" Iso-Getränk (Himbo ohne Kohlensäure?) 
Panorama vom Côte de La Redoute - dem heftigsten Anstieg 
Die Frau darf das Velo schieben, während der Mann Hotdogs futtert. :-)
No comment :-)
Selfie nach Zielankunft. Besonders interessant, sind die Dreckstreifen an der Stirn.
Spiegel-Selfie (nicht mein Velo) 
Kennzahlen des heutigen Tags
Nein, das ist nicht von der Sonne :-) 
So sehen Füsse nach 10h in der Feuchte aus. 


Freitag, 24. April 2015

Noch ganz (wasser-)dicht?!

Vor Jahresfrist war ich bereits in meinen zweiten Velo-Ferien und durfte zum Abschluss der Woche auf Mallorca die Insel umrunden. Dabei zeigte sich der Wettergott von seiner allerbesten Seite: Sonne, nicht zu aber genügend warm und Rückwind im flachen Süden "auf der Rückfahrt". Nun hat sich das Blatt komplett gewendet: am Samstag starte ich mit tausenden Leidesgenossen zur Lüttich-Bastogne-Lüttich-Challenge über 270 km und 4600 Höhenmetern. Von den Zahlen her vergleichbar mit Mallorca 312, vom Terrain her weniger und vom Wetter her eben gar nicht: 11-15 Grad C° sind vorhergesagt für die wallonischen Ardennen im Süden Belgiens, dazu Dauer-Nieselregen den ganzen Tag... nun, ist ja freiwillig das Ganze ;-) Trotzdem: das Profi-Rennen, welches am Tag danach statt findet, gilt als das härteste der Frühjahresklassiker. Die müssen notabene - kriegen dafür auch Geld - und das Wetter am Sonntag ist nicht wesentlich anders ...

Lange bei guten Bedingungen Velo zu fahren, das habe ich letztes Jahr bewiesen. In knapp 9h folgt die nächste Härteprüfung über mindestens die gleiche Dauer. Rennbericht folgt morgen abend, oder übermorgen - je nachdem wann ich wieder trocken und aufgewärmt bin ...

Das morgige Programm: die Steigungen - nach x km | Col de ... | Höhenmeter | Strecke | durchschn. Steigung | max. Steigung. An den X (und bei der komischen Uhr) wird offiziell die Zeit gemessen. 
Das einzige Bild mit blauem Himmel :-)
Die Beine sind parat: äusserlich jedenfalls (frisch rasiert), ob auch innerlich wird sich noch zeigen... (Zur Beruhigung: Die Kratzer stammen vom Rasierer.)
Spiegel-Selfie: Gut, kriegt man das Finisher-Shirt schon vorher - dann muss man nicht zwingen "finishen" ;-)

Freitag, 28. November 2014

Zwischensaison und Zukunftspläne

Seit meiner Rückkehr von der Schweiz-Umrundung sind nun schon wieder mehr als zwei Monate vergangen. Zwei Monate Zeit zum Erlebnis-Verdauen, Material retablieren, alternative Sportarten ausüben, neue Pläne schmieden oder neue Fahrzeuge evaluieren und auch anzuschaffen ;-)

Der Reihe nach...

1) Erlebnis-Verdauen  ...
... geht am besten mit Fotos und als Erinnerung im Kopf:

Am Cormet de Roselend in den franz. Alpen 
Zwischen Pontarlier und Morteau im franz. Jura
An der Dessoubre bei Saint Hyppolite im franz. Jura 

2) Material retablieren
Das Velo hat mindestens gleich stark gelitten wie ich. Zudem konnte es sich nicht vollständig erholen und trug bleibende Schäden von:

  • Hinterrad-Achse gebrochenDas war der Grund für die vermeintliche Acht. Ja, ich frage mich auch, wie man damit über 1500 Kilometer fahren konnte. Reparatur auf Garantie.
  • Ansätze eines (erneuten) Haar-Risses an der Hinterrad-Felge
    Nicht der erste Haar-Riss an diesem Modell (Bontrager RL). Den ersten entdeckte ich im Januar dieses Jahres nach gut ca 10k Kilometer Laufleistung. Reparatur auf Garantie. Laufrad wird ersetzt und danach entsorgt. 
  • Lagerschalen im Tretlager hinüberSchon nach meiner ersten Tour trat "flüssiger Rost" aus dem Tretlager (siehe Bild). Das Tretlager wurde inzwischen ca. 5 Mal ausgetauscht (alle 4-5 Tausend km!). Auch Keramik-Lagesrschalen halfen nichts. Diese wurden zwar auf Garantie ersetzt. Aber als danach die Kurbel immer noch Spiel hatte nach nicht mal 100 km, erstrebte ich den vierten Garantiefall und schickte den Rahmen via Grassi Velo zur Trek Europazentrale nach Dübendorf. Nach nicht mal 3 Wochen - "angedroht" waren 1-3 Monate - hatte ich meinen Renner wieder und wir versöhnten uns wieder. 

3) Alternative Sportarten
Diese wären (Berg-)Wandern, Joggen und Biken :-)

Steinadler auf dem Simplonpass
Da beide Rennräder in Reparatur waren - das eine Aufgrund ein glimpflich abgelaufenen Crashes, meinem ersten; bitte alle Holz anfassen - suchte ich nach Alternativ-Sportarten.

Wandern ist sehr schön, aber belastend für die Füsse (falsche Schuhe?). Nach Touren via Teufelsschlucht auf die Belchenfluh und auf den Simplonpass kriegten meine Füsse massive Druckstellen (keine Blattern), so dass ich noch knapp eine Woche lang stets daran erinnert wurde ;-)

Panorama von der Belchenfluh mit Blick Richtung Olten und dem Solothurner Niederamt
Biken mit einem vollgefederten Bike macht nur bergab Spass - vorausgesetzt das Rad erleidet keinen Plattfuss :-( Bergauf blieb ich förmlich kleben. Die Bergbahn/Bus als Aufstieghilfe nehmen ist irgendwie auch doof und widersprich meinem Leistungsgedanken. Beim Ski fahren ist's aber Ok :-) 

Joggen hat auch seine Reize, wird jedoch nie meine Lieblingssportart. Es ist aber eine Super-Alternative für den Winter und ganz schön anstrengend.
 
4) Neue Pläne schmieden
dazu in einem separaten Blog-Post mehr :-)

5) Crosser
Als Severin von Pro Cycling Aarau ein regelmässiges Cyclocross-Training ausschrieb, konnte ich dem (Rad-)Trendsport dieses Winters nicht mehr widerstehen und kaufte mir ein Cannondale CAADX:
Im Rennrad-Tempo zu biken macht mächtig Spass!
 

Mittwoch, 27. August 2014

Nie oben ohne

Am Abend davor hatte ich noch nicht daran gedacht. Am frühen morgen erst recht nicht. Auch nicht auf dem Weg zum Bahnhof. Im Zug hatt ich anderes zu tun. Beim Umziehen auf der Bahnhofstoillette kam es mir auch nicht in den Sinn. Auch noch nicht beim Proviant kaufen im Bahnhofshop. Erst als ich losfahren wollte, dachte ich: he, da fehlt doch was. Etwas rotes. Genau - ich habe den Helm vergessen! Na toll, soll ich jetzt wieder 2 mal drei Stunden Zug fahren um den Helm zu holen. Der Radtag wäre gelaufen. Zum Glück konnte ich wieder klar denken - heute ist Werktag und an solchen Tagen haben die Läden offen. Also kurz schauen, wo es denn den nächsten Athleticum oder SportXX gibt. Etwas ausserhalb von Lugano fand ich schliesslich meine neue Nussschale.

Das wars an aufregender Action heute. Den Rest des Tages beschäftigte ich mich mit Velo fahren und viel, zu viel navigieren. Ich kann mir kaum 5 Kilometer Karte merken. Immer und immer hielt ich an und konsultierte die ViaMichelin-App. Der Norden Italiens ist sehr dicht besiedelt. Entsprechend viele Strassen und Nebenstrassen gibt es. Der führte mich quer durch die Lombardei ins Piemont, vorbei an endlosen Reisfeldern. Mal auf idyllischen, einsamen Nebenstrassen. Gerade so viel leider auch auf Hauptstrassen. Steter Begleiter war die Sonne. Ab Streckenhälfte kamen auch die italienischen Seealpen ins Blickfeld, die immer grösser, beeindruckender und imposanter wurde, je näher ich dem heutigen Tagesziel Viverone am gleichnamigen See kam. 








Montag, 25. August 2014

Alle Jahreszeiten, nur kein Sommer

Sommer, wo bist du? Letzten Samstag am Alpenbrevet hast du dich wieder grossartig versteckt. Dafür hast du den anderen Jahreszeiten den Vortritt gelassen: nebliger Herbst am Grimselpass, wärmende Frühlings-Sonne im Rhône-Tal und über den Nufenenpass und Winter am Susten.

Das Rütteln über die alte Tremola am Gotthard wurde erschwert durch einen unangenehmen kalten "Anti-Föhn", der von der Passhöhe hinunter wehte. Nach überschreiten derselben zog heftiger Nebel auf. Der Wind hingegen blieb. So macht keine Abfahrt Spass. Umso mehr freute ich mich auf die lange, kurvenreiche und flowige "Schlussabfahrt" vom Sustenpass. Doch vom Herbst kamen wir direkt in den "Winter". Der Reihe nach ... Die paar Regentropfen die Schöllenenschlucht hinunter störten kaum. Auf der Auffahrt hatte ich andere Probleme als das Wetter. Der Herzschlag wurde immer langsamer, gleichzeitig sank die Steigrate von 900-1000 Hm/s auf etwa 700-800. Der Susten zog sich in die Länge. Hatte ich wieder zuwenig gegessen? Offenbar neigten sich die Kohlenhydrat-Speicher dem Ende zu und mein Körper stellt immer mehr auf Fettverbrennung um.

Das waren aber nur sekundäre Probleme. Denn auf der anderen Seite des Scheiteltunnels regnete es. Mit ein paar Grad Celsius weniger hätte es gar geschneit. Noch nie hatte ich mich mehr auf einen warmen Kaffee gefreut - Danke Cervo Rosso. Dicht gedrängt unter einem kleinen Vordach schlürfte ich den Kaffee neben anderen schlotternden Radfahren. Danach trank ich noch eine heisse Bouillon und ass ein bisschen Schokolade. Der Regen liess langsam nach. Ich wagte mich auf die kalte Abfahrt. Keine Spur mehr von der Vorfreude auf Rollen lassen. Lieber wäre ich noch ein bisschen nach oben gefahren. Die Finger klamm, der Körper schlotternd und das Rad zitternd "bremste" ich mich nach unten. Am Rand sah man immer wieder Leidensgenossen stehen mit verschrenkten Armen um die eiskalten Finger aufzuwärmen. Ich freute sich über jedes Zehntel-Grad Temperaturanstieg. Doch viel zu freuen gab es nicht. Lange blieb die Temperatur unter 5 Grad. Nur die letzen 300 Höhenmeter hinunter nach Innertkirchen konnte ich einigermassen geniessen. Die Finger waren nicht mehr so kalt und die Strassen relativ trocken. Die Temperatur hingegen blieb einstellig, aber näher bei 10 als bei 0 Grad. Immerhin. Dann noch den "Mückenstich" Aareschlucht (90 Höhenmeter) und nach Meiringen rollen - und schon war der ganze Spuk vorbei.

Um ein bisschen Sommer zu haben, hätte man in Airolo rechts abbiegen sollen - 100 Kilometer und fast 2000 Höhenmeter wäre der Preis dafür gewesen.

Kurz vor dem Start in Meiringen  
Kein Schweiss, sondern kondensierter Nebel

Einmal volltanken bitte - Isogetränk aus der Giesskanne auf dem Grimsel.

Nebel und Regen auf der Sustenpasshöhe

Kaffee!