Sonntag, 27. April 2014

M312 - Rennbericht

Bin noch immer voller Endorphine. Das war ja der Wahnsinn. Es hat alles geklappt. Keine Pannen. Das (Hinter-)Rad hat gehalten, der Körper auch. Und gegen Schluss rollte es gar immer besser.

"Morgen-Stund hat Gold im Mund": um 3:45 Uhr klingelte mein Wecker. Geschlafen hatte ich kaum richtig. Schlaftrunken torkelte ich zum Frühstück. Die Stimmung war recht gut und locker angesichts der frühen Stunde. Ich war angespannt und müsste lügen, nicht nervös gewesen zu sein. Teile des ambitionierten Pro-Teams setzten sich ganz nah ans Buffet um ja keine unnötigen Distanzen zurückzulegen. Die Stimmung bei denen kippte, als das Brot ausgegangen war. Plötzlich hörte man die einander anschreien: Konkurrenzkampf und Futterneid bereits zum Frühstück. Gerüchten zu Folge hätten sich einige zwei ganze Baguettes unter den Nagel gerissen für den individuellen Verpflegungsbeutel ...

3 Stunden nach der Tagwache und eine stündige Autofahrt später reihten wir uns im hintern Drittel der insgesamt fast 2000 Rennradlern ein. Der Startschuss erfolgte um 7:07 Uhr - 6 Minuten später fuhren auch wir über die Startlinie, die geschätzte 12 Stunden später zum ersehnten Ziel werden würde. Offiziell sind die ersten 26 Kilometer bis zum ersten Anstieg zum Kloster Lluc neutralisiert. Doch wenn man mit 6 Minuten "Verspätung" los fährt, bleibt nicht viel Zeit zum gemütlichen einrollen. Ab dem ersten Kreisel musste ich schon richtig in die Pedale treten um an Andreas dran zu bleiben. Andreas war auch mit Champions Training unterwegs und wir hatten am Vortag ausgemacht, zusammen zu fahren, weil wir etwa in der gleichen Leistungsklasse unterwegs sind. Doch plötzlich waren seine auffallend gelben Schuhe nicht mehr zu sehen. Etwa in der Hälfte des Anstiegs schloss ich schliesslich wieder zu ihm auf und wir fuhren ab da gemeinsam durch die Berge und der Küstenstrasse entlang, für dessen Schönheit es nur Superlative gibt.

Schnell fanden wir unseren Rhythmus und schlossen zu einer Gruppe Spanier auf, die dauernd quatschten. Die Zeit verging rasend schnell. Die Küstenstrasse ist aber mit 130 km und 3000 Hm schon ein Riesen-Striemen, der locker als Tagestour durchgehen könnte. Als dann Andreas mal meinte, dass wir schon 5 oder 6 Stunden unterwegs wären, war meine Antwort: "Das fühlt sich aber nicht so an ...". Er erwiderte, das sei aber ein gutes Zeichen. Ausser der Schulter, die steht's ein wenig spannte und schmerzte waren noch keinerlei Ermüdungserscheinungen auszumachen. Mit einem Puls von 140 - 160 fuhren wir da zahlreichen kleineren (200-300 Höhenmeter) und relativ flachen (4-6%) Anstiege im grünen, knapp gelben Bereich, wie uns dies am Vortag von den "Profis" empfohlen wurde.

Hektisch wurde es jeweils nur an den Verpflegungsstellen und auf der Durchfahrt im dichten Verkehr von Palma, obwohl für uns extra eine der drei Spuren gesperrt wurde. Rotlichter waren nur ein Indikator, dass ein Fahrzeug kommen könnte. Beruhigung: einfach so druchgebrettert sind wir natürlich nicht. Die eigene Gesundheit geht immer vor. Aber die Devise war schon, möglichst wenig Zeit zu verlieren. Wenn während Pinkelpausen hunderte Fahrer an einem vorbei ziehen, ist das schon ein wenig ein seltsames Gefühl, wenn auch sehr erleichternd :-) Insgesamt verbrachten wir bloss knapp eine halbe Stunde ohne Fahrrad-Kontakt. Gegessen wurde wie mein Grossvater stets zu sagen pflegte: "In den Mund nehmen kannst du es ja bereits, runterschlucken kannst du auch noch später."

Überhaupt erstaunlich, wie wenig ich gegessen habe, und dass man damit 11 Stunden intensiv Rad fahren kann:

  • 2 Käse-Sandwich, Typ "Hürzeler" (d.h. trocken und klein)
  • 1 Schicken-Käse-Toast-Sandwich (lecker)
  • ca. 6 Müsli-Riegel, Typ "Farmer natur" (dafür weich)
  • ca. je 6 Dosen Coca-Cola und Aquaris (dem Iso-Star Spaniens)
  • 2 Bidons Iso-Star (zuvor abgefüllt im Hotel)
  • 1 Biberli (Standard-Futter aus der Heimat)
  • ca. 8 Energie-Gels (= klebrige Zucker-Masse aus der Tube)
  • 1.5 Bananen (stopft ganz schön)
  • eine Handvoll Brezeli (rausgeschwitztes Salz ersetzen)
Ich habe es nicht ausgerechnet, aber das entspricht etwa einem leicht erhöhten Tagesbedarf an Kalorien. Man muss bedenken, dass das Frühstück bereits um 4 Uhr eingenommen wurde, sowie dass das Mittag- und Abendessen ausgefallen sind. Der Radcomputer berechnete einen Wert von 8500 Kcal - dem Dreifachen eines Tagesbedarfs. Dass es ganz ohne feste Nahrung geht, bewies Ralf, der auch mit Champions Training unterwegs ist. Er hat bei jeder Verpflegungsstation bloss einen Liter Cola aufgetankt und nie etwas gegessen.

Nach S'Arenal - auch bekannt für den Ballermann - kam dann, was kommen musste: die erste Krise. Kopfschmerzen meldeten sich und auch psychisch ist es eine Herausforderung, nachdem man die Berge gemeistert hat, aber noch 150 lange Kilometer vor sich hat. Erschwerend kam hinzu, dass in der Gruppe niemand wirklich führen wollte und das Tempo nicht sehr hoch war. Im Wissen drum, dass eine Krise kommen muss und alles irgendwie vorüber geht, "bummelten" wir weiter bis zur nächsten Verpflegungsstation "Cap Blanc". Mit Cola im Tank und Rückenwind verschwand die Mini-Krise dann auch wieder. Von da an fuhren wir zu zweit weiter.

Ab dem nächsten Boxenstopp in Ses Salines bei KM 224 fuhren wir wieder in einer Gruppe mit. Doch irgendwann wurde es mir zu langsam und ich beschloss, allein zu fahren. Welliges Terrain und nur schwacher Seitenwind erlaubten mir den Ausreissversuch. Allerdings hätte ich Andreas von meinen Plänen unterrichten sollen, denn ihm wurde es in dieser Gruppe auch zu langsam, wie ich im nach dem Rennen erfahren hatte. Doch ich war voll im Tunnelblick drin. Die Glücksgefühle beflügelten so sehr, dass ich die Rampen an der Ostküste bis Porto Cristo nur so hoch schoss und in der Ebene mächtig Druck aufs Pedal brachte. Nach meinem letzten Verpflegungshalt in Porto Cristo fand ich Unterschlupf in einer Gruppe Einheimischer, was sich ganz gut traf, denn die Strecke drehte wieder in den Wind. Dieses Gruppetto machte halt in Arta. Ich hatte noch eine Flasche voll und fuhr die letzten 30 Kilometer bis ins Ziel alleine. Auf den letzten Kilometern schüttelte ich schliesslich noch ein paar "Windschatten-Lutscher" ab: die Zieleinfahrt wollte ich führ mich allein haben.

Im Ziel war ich einerseits überglücklich es geschafft zu haben, gleichzeitig auch ein wenig wehmütig, dass es "bereits" vorbei war. Nur die Füsse schmerzten - die Beine hätte noch weiter drehen können. Ich muss wohl das nächste Mal noch näher an die Leistungsgrenze gehen :-)


Morgenstimmung unmittelbar vor dem Startschuss in Playa de Muro.
Im ersten Aufstieg zum Kloster Lluc (Fahrzeug ist von der Organisation)
Zweiletzter Boxenstopp in Cap Blanc 
Wieder die Berge zu sehen, die man 10 Stunden zuvor durchquert hatte, war überwältigend!
Noch 12 Kilometer bis ... 
... zum Eisbad und zur ...
... Massage.
Nach 11 Stunden schmecken auch ungesalzene (!) Pasta. Unterwegs war die Verpflegung schwer in Ordnung.

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