Mittwoch, 27. August 2014

Aussenrum


Nach dem Luxus von Gepäcktransport, Routenplanung und Hotelreservierung, den ich auf der Euroride diesen Mai genossen habe, bin ich nun auf eigene Faust unterwegs. Alleine unterwegs sein heisst, keine zwei Velohosen zum wechseln, keine richtigen Schuhe mit harter Sohle, Pause machen wann ich will, kein Pasta-Zwang und vor allem das Gepäck selbst transportieren. Reduktion auf das Wesentliche ist das Motto. Reichen zwei paar Unterhosen (eine wiegt immerhin 60g), oder reicht gar eine einzige, die man über Nacht trocknen lassen kann? Da ich kein Nacktschläfer bin, müssen es zwingend zwei sein. Die gleiche Entscheidung traf ich auch bei den T-Shirts (160g/Stück). Mit dem Verzicht auf ein eigenes Handtuch und Duschmittel kompensiere ich diesen "Luxus". Mein Gepäck wiegt nun alles inklusive, also mit Taschen und allen Kleidern etwas über sieben Kilogramm. Davon sind stets ca. 1.5 kg am Körper. Die Schuhe wiegen knapp 800 Gramm. Die normalen Kleider für am Abend und zum zmorgen Essen wiegen weniger als die Radklamotten. Macht Sinn, denn in den nächsten zwei Wochen werde ich vermutlich mehr Zeit auf dem Rad verbringen. 

Geplant ist eine Rundtour "aussenrum" im Uhrzeigersinn um die Schweiz, ohne Grenzkontakt und mit (immer noch) teuren Roaminggebühren. Da auf der Alpennordseite der Herbst Einzug gehalten hat, starte ich meine Tour, wo man kurz-kurz fahren kann. Ich reise mit dem Zug nach Lugano und überschreite bei Stabio die Grenze. Das Tagesziel heute heisst Viverone südlich von Biella. Die 120 km sind mehrheitlich flach. Morgen dürfte es etwas hügeliger werden den "italienischen Voralpen" entlang oberhalb Turin. Dann wird es bergig: Col de Mont Cenis und Col d'Iseran, den ich von anderen Seite kenne von der letzten Tour. Bonneville lautet ein weiterer Etappenort in den Alpen, bevor ich dem Jura entlang radle auf französischer Seite. Der deutsche Teil bis ans Ende des Bodensees wird wieder flach. Mit der darauffolgenden Silvretta-Hochalpenstrasse und vermutlich dem Stilfserjoch wird es genügend Höhenmeter geben in der Folge. Das Veltlin und der Comersee bilden den flachen Abschluss. 





Montag, 25. August 2014

Alle Jahreszeiten, nur kein Sommer

Sommer, wo bist du? Letzten Samstag am Alpenbrevet hast du dich wieder grossartig versteckt. Dafür hast du den anderen Jahreszeiten den Vortritt gelassen: nebliger Herbst am Grimselpass, wärmende Frühlings-Sonne im Rhône-Tal und über den Nufenenpass und Winter am Susten.

Das Rütteln über die alte Tremola am Gotthard wurde erschwert durch einen unangenehmen kalten "Anti-Föhn", der von der Passhöhe hinunter wehte. Nach überschreiten derselben zog heftiger Nebel auf. Der Wind hingegen blieb. So macht keine Abfahrt Spass. Umso mehr freute ich mich auf die lange, kurvenreiche und flowige "Schlussabfahrt" vom Sustenpass. Doch vom Herbst kamen wir direkt in den "Winter". Der Reihe nach ... Die paar Regentropfen die Schöllenenschlucht hinunter störten kaum. Auf der Auffahrt hatte ich andere Probleme als das Wetter. Der Herzschlag wurde immer langsamer, gleichzeitig sank die Steigrate von 900-1000 Hm/s auf etwa 700-800. Der Susten zog sich in die Länge. Hatte ich wieder zuwenig gegessen? Offenbar neigten sich die Kohlenhydrat-Speicher dem Ende zu und mein Körper stellt immer mehr auf Fettverbrennung um.

Das waren aber nur sekundäre Probleme. Denn auf der anderen Seite des Scheiteltunnels regnete es. Mit ein paar Grad Celsius weniger hätte es gar geschneit. Noch nie hatte ich mich mehr auf einen warmen Kaffee gefreut - Danke Cervo Rosso. Dicht gedrängt unter einem kleinen Vordach schlürfte ich den Kaffee neben anderen schlotternden Radfahren. Danach trank ich noch eine heisse Bouillon und ass ein bisschen Schokolade. Der Regen liess langsam nach. Ich wagte mich auf die kalte Abfahrt. Keine Spur mehr von der Vorfreude auf Rollen lassen. Lieber wäre ich noch ein bisschen nach oben gefahren. Die Finger klamm, der Körper schlotternd und das Rad zitternd "bremste" ich mich nach unten. Am Rand sah man immer wieder Leidensgenossen stehen mit verschrenkten Armen um die eiskalten Finger aufzuwärmen. Ich freute sich über jedes Zehntel-Grad Temperaturanstieg. Doch viel zu freuen gab es nicht. Lange blieb die Temperatur unter 5 Grad. Nur die letzen 300 Höhenmeter hinunter nach Innertkirchen konnte ich einigermassen geniessen. Die Finger waren nicht mehr so kalt und die Strassen relativ trocken. Die Temperatur hingegen blieb einstellig, aber näher bei 10 als bei 0 Grad. Immerhin. Dann noch den "Mückenstich" Aareschlucht (90 Höhenmeter) und nach Meiringen rollen - und schon war der ganze Spuk vorbei.

Um ein bisschen Sommer zu haben, hätte man in Airolo rechts abbiegen sollen - 100 Kilometer und fast 2000 Höhenmeter wäre der Preis dafür gewesen.

Kurz vor dem Start in Meiringen  
Kein Schweiss, sondern kondensierter Nebel

Einmal volltanken bitte - Isogetränk aus der Giesskanne auf dem Grimsel.

Nebel und Regen auf der Sustenpasshöhe

Kaffee!


Montag, 18. August 2014

Am dritten Tag essen sie alle Pasta

Ein Fazit von der Euroride mit GustiZollinger.

Disclaimer - Bevor ich mich der Zukunft widme, muss ich blog-technisch erst noch die Vergangenheit verarbeiten. Dieser Blog-Eintrag habe ich in der Woche nach der Euroride geschrieben und seitdem nicht mehr berührt. Eigentlich wollte ich ihn noch fertig schreiben ... doch zuviel Stand in diesem "Sommer" auf dem Programm.

Statt surrender Freiläufe, pfeiffendem Fahrtwind und keuchenden Mitradler vernimmt man durch die alte Aarberger Holzbrücke plötzlich die Blaskapelle Seeland. Plötzlich ist's also vorbei nach über 2000 Kilometern und 75 Stunden im Sattel. Lange einstellen konnte man sich nicht. Nach Mont Ventoux, Alpe d'Huez, Col de la Croix de Fer und Col de la Madeleine innert nur einer Woche blieb nicht viel Zeit für anderes, Velo fahren, essen, schlafen und trinken. Bis zuletzt war man voll im Trott drin: Aufstehen, auf Toilette gehen, Morgenessen reindrücken, wieder Toilette (was man mehr ist, muss auch wieder raus :-), Sonnencreme einschmieren, Velokleider anziehen, Koffer packen und verladen, Velo holen, Flaschen füllen und los fahren. Auch unterwegs blieb nicht viel Zeit für anderes als für das wesentliche, dem Velo fahren. Die Pausen waren kurz. Für Fotos blieb kaum Zeit, die Landschaft zu geniessen auch. Alles musste vom Sattel aus erledigt werden - ausser dem Flaschen füllen und Blase leeren. Kündigte sich eine Pause an, musste man sich genau überlegen, was man alles erledigen wollte. Schade - denn nur um anschliessend eine Stunde mehr im nicht immer besten Hotel rum zu hocken und hungrig auf das Nachtessen zu warten, dafür lohnte sich sich das Gehetze nicht.

Alles war auf das Velo fahren ausgelegt. Die Mittagshalte perfekt durchorganisiert. Die Kaffeehalte eher kurz und effektiv als ausgiebig und entspannend. Nach der Ankunft blieb zwar aufgrund des hohen Tempos genügend Zeit für Trikot waschen und Sonnencreme abduschen, aber so richtig verarbeiten konnte man das Erlebte irgendwie nicht richtig. Auf das Zimmer zurück zu ziehen wollte ich mich nicht. Schliesslich ist man mit 40 anderen Gleichgesinnten unterwegs, da hat man sich doch etwas zu erzählen. Doch irgendwie drehten sich Gespräche bei "Feierabend-Bier" stets um die gleichen Themen und waren recht oberflächlich. Normalerweise bin ich alleine unterwegs. Da kann ich meinen Gedanken freien Lauf lassen und auch mal das Notizbuch hervor nehmen um ein paar Sachen aufzuschreiben, die mir während dem Tag so durch den Kopf gingen.

Doch nun zum Positiven, dem Wetter: Das war sensationell! Nicht zu heiss, genügend Sonnentage für Rändli an Oberarmen und Beinen und praktisch nie Regen. Obwohl der Wind meist von vorne blies, war er unser Freund. Er vertrieb die Regenwolken stets von uns weg. Wer 2000 Kilometer im Sattel hockt und davon nicht mal 50 km nass wird, dem ist der Wettergott hold. Kein Vergleich zum letzten Jahr, wo es zwei Tage zumindest nicht geregnet hatte. Einige Teilnehmer der 15. Euroride fuhren dieses Jahr denn auch nur mit, um zu sehen, wo sie letztes Jahr durch den Regen gefahren sind.

Von den zweimal Pasta essen pro Tag hat sich mein Magen gut erholt. Auch wenn ich mich am Anfang noch dagegen wehrte, ass ich am dritten auch Tag schliesslich auch das Radler-Menü schlechthin - obwohl es glaub aus physiologischer und ernährungstechnischer Sicht nicht das optimale ist, die Verdauung mitten in der Belastung mit einer "richtigen" Mahlzeit zu belasten - normalerweise es ich unterwegs nur flüssig oder spezielles "Kraftfutter" (Riegel, Iso-Zeugs, ...). Doch irgendwie gehörte es  halt dazu und hatte durchaus auch einen gruppendynamischen Effekt.

Tägliches Ritual - Pasta futtern bis zum abwinken. Diese waren ausnahmsweise nicht verkocht.
Unsere Gruppe vor dem Blanc Massiv 
Am Mont Ventoux